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Was bedeutet eigentlich "traumasensibel"?

26. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Sept.

Kennt ihr das? Einer sagt einen Satz und man befindet sich urplötzlich mitten im erbittertsten Streit - Drama, Eskalation, Scheidungsdrohungen, Rausschmissansagen - von Null auf Hundert in Sekunden. Wenn sich die Gemüter nach einiger Zeit wieder beruhigt haben, denken beide: "Was war das denn wieder?!" Wie konnte aus einem Satz solch ein Beziehungskrieg entstehen?


Die "traumasensible" Brille

Wenn der Streit plötzlich größer ist als der Anlass


Einige Gedanken zum Streiten


"Typischer Hitzkopf!"

"Du liebst es, mich zu provozieren."

"Du bist und bleibst einfach streitsüchtig."

"Warum um alles in der Welt beherrschst du keine kultivierte Streitkultur?"

Diese und ähnliche Aussagen lassen vermuten, dass man charakterlich besser oder schlechter streiten kann. Oder dass man sich eine gute Streitkultur angeeignet hat oder eben auch nicht. Wann immer sich Streit in einer Beziehung zeigt, entstehen oft größere Diskrepanzen als vorher angenommen. Einer möchte anschließend reden und aufräumen, der andere geht für 3 Tage in den Redestreik. Die Beziehung kühlt merklich ab oder heizt sich immer aggressiver weiter auf.


Und genau an dieser Stelle beginnt für mich ein wichtiger Gedanke der traumasensiblen Arbeit: Nicht jede heftige Reaktion ist einfach ein Charakterproblem. Und nicht jeder Streit entsteht aus aktuell unerfüllten Bedürfnissen. Manchmal bringt der aktuelle Moment eine Saite in mir zum Klingen, die eine alte, bereits gut bekannte und mehrmals gespielte Musik erneut aktiviert. Du denkst jetzt bestimmt: "Ja klar, Trigger. Da haben wir es wieder." Und womöglich hast du schon so viel zum Thema "Trigger" gehört und gelesen, dass du keinen weiteren Artikel mehr darüber lesen möchtest. Aber vielleicht interessiert es dich trotzdem, warum für mich an dieser Stelle ein genaues Hinschauen trotzdem sehr wertvoll und absolut entscheidend ist. Es geht nicht um das Bewerten oder darum, einen Schuldigen zu suchen, sondern zu verstehen - wirklich zu verstehen - und zu fragen: Was passiert hier gerade? In jedem einzelnen und in eurer Beziehung - dem Raum zwischen euch?


Was hat die Vergangenheit mit unserer heutigen Beziehung zu tun?


Für nahezu alle Menschen beginnt das Erleben einer Beziehung nicht erst im Erwachsenenalter in Form einer Liebesverbindung. Unsere ersten Beziehungen haben wir bereits mit dem Beginn des Lebens. Und in dieser Zeit ist entscheidend, welche Erfahrungen wir kleine Würmer mit unseren ersten Bezugspersonen gemacht haben. Wurden wir getröstet oder mussten wir uns selbst beruhigen? Mussten wir funktionieren oder durften wir auch lachen und unbeschwert sein? Waren Berührungen angenehm oder gefährlich? Und nein, traumasensibel bedeutet nicht, dass ich davon ausgehe, dass jeder zwangsläufig ein "Trauma" mitbringt, aber es bedeutet, dass ich vorsichtig hinschaue und beispielsweise feststelle: "Dieser Rückzug Ihres Partners macht etwas mit Ihnen. Wo haben Sie das schon mal erlebt?" Und dann fallen manche Schuppen von den Augen und von der Seele. Denn belastende Situationen können Spuren hinterlassen. Und meistens tun sie es auch. Ein kleiner Auslöser reicht im Heute, um viele unverarbeitete Momente aus meinem Früher hoch- und herzuholen. Nicht bewusst und deshalb so brandgefährlich wie Zunder und Dynamit.


"Traumasensibel" heißt nicht: Ihr seid beide traumatisiert.


Diese Differenzierung ist mir besonders wichtig. Auch wenn der Ansatz nach Dr. Katharina Klees die Paarberatung mit Methoden der Traumatherapie bereichert, suche ich nicht mit euch nach den besonders schlimmen Traumaerfahrungen. Und am allerwenigsten leite ich aus schwierigen Kindheitserlebnissen eine psychische Störung ab (siehe ICD-10). Auch wenn ich den Heilpraktiker für Psychotherapie gerade lerne - und dort wimmelt es nur so von psychotischen, entwicklungsgestörten und persönlichkeitsgestörten Borderlinern und Narzissten, von ADHSlern und Depressiven - schaue ich in meiner Arbeit anders auf euer Beziehungsverhalten. Mit der traumasensiblen Brille nehme ich die seelischen Verletzungen wahr und ernst. Und wenn jemand heftig reagiert, dann lautet die Frage nicht: "Warum macht er/sie das?", sondern "Was schützt er/sie und was darf nicht gezeigt werden?" Was dagegen herausbricht - Vorwürfe, Anklagen, Rückzug, Mauern - gefällt am allerwenigsten denjenigen, die dieses Verhalten zeigen. Und doch ist es gelernt oder als Überlebensstrategie gewählt worden. Lange bevor es die aktuelle Liebesbeziehung gab.


Der Streit transportiert eine Botschaft


Unter diesem Aspekt betrachtet, ist der große emotionale Ausbruch dann eher eine Botschaft. Die Botschaft, dass tief in mir selbst noch etwas verletzt ist. Etwas, das wild um sich schlägt, wenn es Gefahr wittert. In diesen Situationen wird das Bollwerk zur Abwehr vehement und mit voller Karacho hochgezogen. Das Fadenkreuz richtet sich dann - und das ist das eigentlich Traurige - nicht gegen den Menschen, der für diese seelische Wunde verantwortlich ist, sondern gegen den Menschen, der JETZT an meiner Seite steht, der sich für mich entschieden hat, der mich wirklich oder eigentlich liebt (sonst wäre es ja keine Liebesbeziehung) und der am liebsten einfach nur glücklich mit mir sein möchte. Was für eine Tragödie! Wenn ich es nur schaffen könnte, meine Kriegserklärung nicht an den Falschen oder an die Falsche zu schicken! Oder es zumindest die Hoffnung gibt, dass ich es lernen kann.


Das ist ein wesentlicher Inhalt meiner Arbeit in der traumasensiblen Paarberatung. Zu verstehen, welches Szenario immer wieder gespielt wird - welche Kriegsrüstungen immer wieder aufgefahren werden und wie nach und nach die Rüstung abgebaut werden kann. Sich sensibel an die verletzten Stellen heranwagen, vorsichtig, achtsam, wertschätzend, verstehend und honorierend. Traumasensibel bedeutet also, dass ein sensibler Blick auf Paarkonflikte und -probleme vermutet, dass Verletzungen aus einer früheren Zeit vorhanden sind. Es ist nicht die Suche nach dem Trauma. Doch es wird ein Raum geschaffen, in dem sich tiefere Verletzungen zeigen und ausdrücken dürfen.


Hinweise zur fachlichen Grundlage: Die Aussagen zum Ansatz von Dr. Katharina Klees sind eigenständig interpretiert und zusammengefasst. Der Text ist keine wörtliche Wiedergabe und keine offizielle Veröffentlichung der Dr. Klees Akademie.



 
 
 

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